Mutismus

Mutismus ist eine Kommunikationsstörung, die sich durch eine Redehemmung äußert. Eine organische Ursache bei den Sprechorganen oder dem Gehör liegt dabei nicht vor. Die Redehemmung kann partiell oder universell sein. Mutismus tritt in selektiver und totaler Form auf. Für diese Störung in der Kommunikation gibt es keine eindeutigen Auslöser, sondern ein multifaktorielles Ursachenbündel aus entwicklungshemmenden Lernprozessen, psychischen Faktoren, physiologischen Gegebenheiten oder Entwicklungsstörungen.

Für uns steht der Mensch im Fokus der Therapie. Es ist uns wichtig zu zeigen, dass wir ihn verstehen, egal welche Kommunikationsmittel er nutzt. Es wird kein Druck in der Kommunikation erzeugt. Es wird deutlich kommuniziert, dass sich die Therapeutin oder der Therapeut auf das Kommunikationsmittel des Betroffenen einstellen muss, um zu verstehen. Dadurch wird Vertrauen aufgebaut und damit die Voraussetzung für eine gute Patienten-Therapeuten-Bindung, die notwendig ist, um definierte Therapieziele erreichen zu können. 

So können Ängste und Grenzen gemeinsam überwunden werden. Sich dabei auch gemeinsam freuen zu können, ist für viele Betroffene ein völlig neues Erlebnis. Denn auch wohlmeinende Angehörige sind oft selbst so betreten, dass es ihnen schwerfällt, sich ausgelassen zu zeigen. Freude und die damit verbundene Gelassenheit können bereits Blockaden lösen und zuvor behinderte Entwicklungsprozesse in Gang bringen. Die Wahrnehmung für die einzelnen Teilbereiche des Sprechens wird aufgebaut, die zunehmende Koordination und Kontrolle dieser Bereiche erfolgt durch Übung.

Die Patienten schweigen in spezifischen sozialen Situationen oder gegenüber bestimmten Personenkreisen, während sie zu Hause häufig ganz normal sprechen. Oft ist dieses Verhalten von weiteren, auch körperlichen Symptomen begleitet, wie Erstarren, Abbruch von Blickkontakt oder Ablehnung von Begrüßungsritualen. Den Betroffenen fehlt die Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Die mangelnde Fähigkeit zur Kommunikation lässt Gesprächspartner oft rat- und hilflos erscheinen.

Je länger das Schweigen andauert, umso weniger Erfahrungen sammeln die Betroffenen im Kontakt mit anderen Menschen, sich effektivere Verhaltensweisen zuzulegen. Zusammenfassend kann von einer komplexen angstbesetzten Störung in der Kommunikation gesprochen werden, die durch die Unsicherheit der Kommunikationspartner noch verstärkt wird.

Zu Beginn wird in der Therapiesituation ein sicherer Raum geschaffen, in dem das Schweigen seinen Platz hat und Vertrauen herrscht. Aus diesem Vertrauen heraus lernen die Patienten die eigenen Ängste einzuschätzen, um daraufhin ihre Grenzen überwinden oder neue Grenzen adäquat setzen zu können.

Bei jüngeren Kindern verläuft die Therapie eher indirekt. Über Rollenspiele oder den Umgang mit Handpuppen lernen die Kinder Kontakte aufzunehmen, das Sprechen wird „gelockt“.

Bei älteren Kindern und Jugendlichen wird im sicheren Rahmen zunächst jede Form von Kommunikation akzeptiert, worauf sich schrittweise neue Formen bis hin zum Sprechen aushandeln und ausprobieren lassen. Hier ist die Wahrnehmung der Selbstwirksamkeit wichtig, um eine stabile Basis für Veränderungen zu schaffen. Diese Erfahrungen werden in kleinen Schritten geübt und durch In-Vivo-Übungen in reale Alltagssituationen übertragen. Gerade hier ist die Unterstützung von Eltern und Angehörigen nötig, die häufig neue Verhaltensweisen erlernen müssen.

Ein weiterer wichtiger Baustein der Therapie ist die Beratung in den verschiedenen sozialen Beziehungssystemen wie Kindergarten oder Schule. Das „Sprechzimmer“-Team dient auch hier als Ansprechpartner und Unterstützung bei der Beratung.
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Selektiver Mutismus kann im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter auftreten und kann mit Störungen in anderen Bereichen der Sprachentwicklung einhergehen. 

Der Begriff bezeichnet das Phänomen eines dauerhaften, wiederkehrenden Schweigens. Obwohl die Betroffenen grundsätzlich über die Fähigkeit zum Sprechen verfügen, können sie in bestimmten Situationen oder gegenüber bestimmten Personen nicht sprechen, z. B. nicht im Kindergarten oder in der Schule. Oft sprechen sie nicht mit Menschen außerhalb des engsten Familienkreises. Dabei kann es bis zum Kommunikationsabbruch kommen. Die Betroffenen erstarren förmlich und ziehen sich ganz in sich selbst zurück. Dieses Nicht-sprechen-Können hängt dabei nicht vom Willen des Kindes, Jugendlichen oder Erwachsenen ab, sondern wird durch die jeweilige Kommunikationssituation bedingt. 

Neben dem selektiven Mutismus findet sich noch der weitaus seltenere totale Mutismus, bei dem die Betroffenen keinerlei mündliche Kommunikation ausführen und meist auch keine lauten Geräusche wie Husten, Niesen, Räuspern von sich geben.

Da das Schweigen kein bewusst gewähltes Verhalten ist, zielt die Therapie auf die Erweiterung der sprachlichen und nichtsprachlichen Handlungsfähigkeit der Betroffenen ab. Die Therapie wird individuell auf das Störungsbild der Patienten abgestimmt und sollte in Zusammenarbeit oder in Absprache mit den behandelnden Ärzten (z. B. Kinderärzten, Psychologen etc.) und dem sozialen Umfeld erfolgen (Kindergarten, Schule, Familie). 

Selektiver Mutismus ist zunächst für alle an der Kommunikation Beteiligten sehr verunsichernd oder beängstigend.

Beim selektiven Mutismus schweigt der Betroffene in bestimmten Situationen, in denen Sprechen erwartet wird. In anderen Situationen wird gesprochen und damit gezeigt, dass Sprache verstanden und produziert werden kann. Der totale Mutismus dagegen ist nicht situations- und personenbezogen. Nach vollzogenem Spracherwerb erfolgt demnach eine vollständige Verweigerung der Lautsprache.

Meist lässt sich kein genauer Zeitpunkt für den Beginn bestimmen. Zunächst werden selektiv mutistische Kinder oft für schüchtern gehalten. Offen zutage tritt das Phänomen erst dann, wenn beim Wechsel in eine neue Umgebung (Kindergarten, Schule) das Schweigen in diesem Umfeld dauerhaft auftritt und als unangemessenes Verhalten bewertet wird. Reagiert das Umfeld dann mit Unverständnis und versucht die betroffenen Kinder zum Sprechen zu drängen, können schnell erhebliche Angst- und Stressreaktionen konditioniert und das Schweigen verfestigt werden.

Wenn Kinder infolge von Mutismus nicht mit anderen Bezugspersonen außer den Eltern in Kontakt treten können, bleibt ihnen ein entscheidender Teil Kommunikations- und Entwicklungserfahrung vorenthalten. Obwohl die Kinder z. B. zu Hause „ganz normal sprechen“ und somit ihre Sprachentwicklung normal verläuft, stagniert ein wesentlicher Entwicklungsbereich, der des pragmatisch-kommunikativen Handelns mit anderen Bezugspersonen. Wechselseitiger Dialog ist Beziehung und Beziehung die Grundlage der Entwicklung der Persönlichkeit. Neben dem verbalen Schweigen werden meist auch eine sehr eingeschränkte oder fehlende Körpersprache bzw. ein fehlender nonverbaler Dialog beobachtet.

Studien belegen, dass die Hälfte der Kinder mit selektivem Mutismus zusätzlich Entwicklungsrückstände (vgl. Kristensen, 2000; Kramer, 2007) in den linguistischen Bereichen der Sprache (Grammatik, Artikulation, Wortschatz) und in der Erzählfähigkeit aufweisen.

Das Schweigen insbesondere selektiv mutistischer Kinder und Jugendlicher ist unter anderem abzugrenzen vom sprechängstlichen Schweigen in bestimmten Publikumssituationen, vom zögerlichen Sprechen scheuer Kinder und vom Schweigen wegen geringer Sprachkenntnisse in einer neuen Sprache. Der letzte Punkt betrifft vor allem Kindern aus Migrationsfamilien.

Sprechen Sie zunächst mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt. Vermutlich werden Sie und Ihr Kind an einen Fachkollegen aus der Kinderpsychologie oder Psychiatrie verwiesen, wo eine erweiterte Diagnostik erfolgt. Sozialpädiatrische Zentren verfügen meist auch über entsprechende Möglichkeiten. Weisen Sie in allen Gesprächen auf Ihre Beobachtungen hin und verdeutlichen Sie Ihre Sorgen und Bedenken.

Wurde die Diagnose selektiver Mutismus gestellt, sollten Sie mit einer geeigneten Therapie-Praxis Kontakt aufnehmen.

Von selektivem Mutismus betroffene Personen sind über einen aus Sicht von Außenstehenden ungewöhnlich langen Zeitraum „ausgewählt stumm“ (Bahr, 2012, S. 14). Es handelt sich bei dieser Störung um ein dauerhaftes, wiederkehrendes Schweigen in bestimmten Situationen, beispielsweise im Kindergarten oder in der Schule, und gegenüber bestimmten Personen, zum Beispiel gegenüber allen Personen, die nicht zum engsten Familienkreis gehören. Dieses Schweigen tritt auf, obwohl die Sprechfähigkeit vorhanden ist. Ebenso ist die Redebereitschaft gegenüber einigen wenigen vertrauten Personen in vertrautem Umfeld gegeben. (Bahr, 2012, S. 14) Auch wenn selektiv mutistische Kinder an einigen Orten gehemmt, scheu oder ängstlich sind, zeigen sie oftmals zugleich ein aggressives Verhalten, beispielsweise Wutausbrüche oder Tyrannei, gegenüber Familienmitgliedern oder Tieren (Katz-Bernstein, 2011, S. 146). 

Betroffene meiden in den Phasen des Schweigens den Augenkontakt zu Ihrem Gegenüber und unterdrücken vegetative Geräusche wie Atmen oder Räuspern (Hartmann, Lange, 2013, S. 21). Selbst emotionale Äußerungen wie Weinen oder Lachen werden nicht gezeigt, die Mimik wirkt maskenhaft. Das selektive Schweigen stellt eine unfreiwillige Handlung dar (Katz-Bernstein, 2011, S. 25f.).

Hinsichtlich der Ursachen und Risikofaktoren des selektiven Mutismus wird davon ausgegangen, dass mehrere unterschiedliche Faktoren zu dem konsequenten Schweigen führen (Subellok, Starke, 2012, S. 222). Als ein grundlegendes Risiko für die Entwicklung eines selektiven Mutismus wird eine extreme, vererbte Schüchternheit angenommen. In diesem Zusammenhang wird auch ein erhöhtes Risiko von Mehrlingskindern beschrieben, einen selektiven Mutismus auszubilden, da hier genetische Einflussfaktoren und die besonders enge Bindung der Geschwister die individuelle Entwicklung beeinflussen (Subellok et al., 2010, S.112ff.). Weiterhin zeigten Studien, dass auch Familienmitglieder von sozialen Ängsten und selektivem Mutismus betroffen sind bzw. waren (u. a. Chavira et al., 2007, zit. n. Subellok, Starke, 2012, S. 222). In Bezug auf die Ätiologie des selektiven Mutismus finden sich in der Literatur vielfache weitere Erklärungsansätze, die unter anderem jeweils von der Fachdisziplin sowie dem Forschungsansatz der Autorinnen und Autoren abhängig sind (Katz-Bernstein, 2011, S. 36). 

Bezüglich der Häufigkeit des selektiven Mutismus existieren keine zuverlässigen Zahlen (Bahr, 2012, S. 15). So sind etwa zwischen ein und sieben von 1000 Kindern betroffen (ebd.). Die Prävalenzrate ist lediglich durch eine geringe Anzahl an Studien belegt und liegt im Allgemeinen unter 1 % (Plener, Spröber, 2013, S. 82). Die Geschlechterverteilung wird in der Literatur sehr konträr beschrieben (Katz-Bernstein, 2011, S. 31). Während einige Autoren eine erhöhte Prävalenz bei Mädchen beschreiben, widerlegen andere Quellen dies (ebd.). Die durchschnittliche Erkrankungsdauer wird bei Jungen mit 4;0 Jahren, bei Mädchen mit 5;6 Jahren angegeben (Schoor, 2009, S. 198). Der durchschnittliche Krankheitsbeginn liegt bei 4;1 Jahren (Steinhausen & Juzi, 1996, zit. n. Schoor, 2009, S. 198). Das Erkrankungsalter wird beim sogenannten Frühmutismus ab 3;4–4;1 Jahren, beim Spät-/Schulmutismus ab 5;5 Jahren angegeben (Katz-Bernstein, 2011, S. 29). Zur Inzidenz des selektiven Mutismus liegen keine aktuellen Zahlen vor. Älteren Quellen zufolge liegt diese zwischen 0,5 % und 7 % (Lorand 1960 & Muchitsch, 1979, zit. n. Hartmann, 1992, S. 491). 

Beim selektiven Mutismus müssen hinsichtlich der Komorbidität unter anderem Angststörungen, Belastungs- und Anpassungsstörungen, Zwangsstörungen, Störungen des Sozialverhaltens sowie depressive Erkrankungen berücksichtigt werden (Plener, Spröber, 2013, S. 85). „Kombinationen mit anderen Störungsbildern sind möglich, wobei hierbei jeweils die diagnostischen Kriterien beider Störungsbilder erfüllt sein müssen“ (Plener, Spröber, 2013, S. 85). Darüber hinaus konnte durch mehrere Studien die Komorbidität mit Sprach- und Sprechstörungen nachgewiesen werden (u. a. Remschmidt et al., 2001, zit. n. Melfsen, Warnke, 2009, S. 557). Die Komorbidität des selektiven Mutismus unterstreicht die Notwendigkeit einer differentialdiagnostischen Betrachtung, erschwert diese durch die komplexen Symptome jedoch auch. Neben der Ausschließung von Sprachstörungen aufgrund neurologischer Abbauprozesse (Hartmann, Lange, 2013, S. 20) ist aufgrund häufiger Verwechslungen die Abgrenzung des selektiven Mutismus zur Sprechangst sowie zum Autismus von großer Bedeutung.

Sprechangst bezeichnet die meist im späteren Alter auftretende, bewusste Angst, vor anderen zu sprechen, beispielsweise in Publikumssituationen. Betroffene zeigen starke, zum Teil panikartige Fluchtreaktionen. Selektiver Mutismus hingegen beschreibt die unbewusste Angst, mit jemandem zu sprechen. Oftmals werden alternative nonverbale Kommunikationsmöglichkeiten eingesetzt. Der Krankheitsbeginn ist meistens im Kindesalter. (Vgl. Subellok, Starke, 2012, S. 220.) 

Autistische Personen leben gleichbleibend zurückgezogen und stehen Wahrnehmungsreizen des Umfeldes ablehnend gegenüber. Sie unterscheiden nicht zwischen wichtigen und unwichtigen Reizen von außen. Ein emotionaler Kontaktaufbau ist nur schwer möglich, da die kommunikativen Fähigkeiten oftmals stark eingeschränkt sind. Selektiv mutistische Personen zeigen unterschiedliche Verhaltensweisen, sind kommunikativ und lebhaft bzw. schweigsam und gehemmt. In Situationen, in denen gesprochen wird, können Betroffene Emotionen zeigen bzw. ausleben. Weiterhin haben selektiv mutistische Personen keine Probleme, Reize zu unterscheiden. (Vgl. Hartmann, Lange, 2013, S. 19f.)